• 05.08.20 | 16:20
  • Games
  • GamesInBavaria
  • News

Lazuli – Spielspaß mit Köpfchen

Serie: #GameStories – Folge 2

Die Corona bedingten Einschränkungen haben das Thema digitales Lernen wieder verstärkt ins Gespräch gebracht. Zahlreiche Webseiten empfehlen Spiele und Apps, um gerade Kindern und Jugendlichen das Lernen daheim zu erleichtern. Und auch ein knappes Drittel der Eltern setzte während der Schulschließungen der letzten Monate auf Lernspiele. Dass Lernspiele aber nicht nur während einer Pandemie sinnvoll sind, weiß Stefanie Stalf von funline media. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schulpsychologen und Lehrer Roland Ressemann, hat sie Lazuli entwickelt. Lazuli, das sind vier Apps für Kinder von 4 bis 8 Jahren mit kniffeligen Mathe-Lernspielen und einem blauen Hund.

Jedes fünfte Kind in Deutschland hat irgendwann während seiner Schullaufbahn ernstzunehmende Schwierigkeiten mit Mathe. Und etwa sieben Prozent aller Kinder leiden unter einer ernsthaften Rechenstörung. Dabei kann und soll Mathe auch Spaß machen: Im Frühlingsgarten können die SpielerInnen mit Lazuli toben, spielen und die Welt entdecken. Dabei wird der kleine Hund hungrig und wünscht sich einen Knochen. Den können die Kinder erspielen, indem sie jede Menge spannende Aufgaben lösen. Sie schieben Knöpfe umher, sortieren Pinguine, füttern Drachen mit Zahlen und zählen Engel hinter Wolken.

Lazuli fordert die kleinen SpielerInnen mit Aufgaben in den Bereichen mathematisches Denken, Wahrnehmung, Konzentration und Gedächtnis heraus. Denn was viele nicht wissen: der abstrakte Zahlenbegriff entwickelt sich bereits im Kindergartenalter. Daher brauchen Kinder bereits in dieser Zeit passende Herausforderungen für ihre Entwicklung.

Dabei ist es aber oft nicht leicht, diese Herausforderung zu finden: Als Stefanie für ihre Zwillinge vor einigen Jahren ein paar Lese- und Mathe-Apps suchte, konnte sie nicht glauben, was Kindern visuell und inhaltlich als „fördernd“ vorgesetzt wird. Ihr Mann und sie beschlossen also, ein eigenes Spiel zu entwickeln. Sie gründeten funline Media und vier Jahre später in 2018 war Lazuli fertiggestellt.

Vom Technik-Oscar zum preisgekrönten Lernspiel

Das Lernsystem ist für die beiden ein Herzensprojekt. Stefanie hat eigentlich einen anderen Hintergrund als Games: Sie ist Diplom-Psychologin und Mitbegründerin des international renommierten und mit einem technischen Oscar ausgezeichneten Visual-Effects- und Postproduktionsstudios ScanlineVFX. Diese beiden Bereiche bringt Stefanie in Lazuli zusammen: „Meine Historie mit dem Spaß an den Bildern und Animationen trifft sich mit dem psychologischen Konzept, wie man es schafft, ein abwechslungsreiches, interessantes und motivierendes Spiel zu machen.“

Lazuli zeichnet sich besonders durch seine Grafik und Animationen aus: Jedes der Lernspiele folgt einem eigenen ästhetischen Konzept. Stefanie vergleicht das mit einer Pralinenschachtel, bei der der/die Naschende auch nicht weiß, wie die Praline gefüllt ist. Neugierig naschen wir also die nächste Praline – beziehungsweise spielen das nächste Level.

Ähnlich aufwändig sind die Animationen von Lazuli: Der kleine blaue Hund reagiert nicht immer gleich, er hat einen eigenen Willen und seine Animationen sind glaubhaft. Die dadurch hervorgerufenen Emotionen binden die Kinder an das Spiel. Stefanie spricht hier von einer intrinsischen Motivation: „Die Freude am Spiel selbst muss die Belohnung sein, wenn man eine Spielmechanik anstrebt, die nicht in die Suchtrichtung geht. Da ein solcher Ansatz allerdings sehr aufwändig ist, müssen viele Apps für Kinder hier stoppen und greifen auf genau solche Mechanismen zurück. Diese verwenden dann andere Wege, um die Kinder zu binden. Zum Beispiel das Sammeln von Stickern, Münzen oder Items.“

Dass das Konzept aufgeht, zeigen die zahlreichen Auszeichnungen, die Lazuli erhalten hat.

Lernspiele – Lohnt sich der Aufwand (noch) nicht?

Digitales Lernen kann spannend gestaltet werden – davon ist Stefanie überzeugt. Aber der Aufwand, der damit verbunden ist, lohnt sich nur, wenn digitales Lernen flächendeckend genutzt wird.

In Deutschland ist dies noch nicht der Fall. „Deutschland hat digitales Lernen institutionell wirklich vernachlässigt – trotz vieler Warnungen von Medienpädagogen“, sagt Stefanie. Die Corona bedingten Schulausfälle zeigen das nun besonders auf. Es geschieht gerade ein erstauntes Aufwachen, dass digitale Lernangebote notwendig sind. Gleichzeitig kann ein digitales Lernkonzept aber strukturell nicht so schnell perfekt vorbereitet werden. Stefanie befürchtet daher, dass die momentane Offenheit einen Rückschlag erfährt. Lernspiele nehmen außerdem immer noch eine Sonderrolle in der Diskussion ein: „Gerade hat man die Idee, dass man Lernen sinnvoll auf die digitale Ebene holen kann und soll. Aber dass solche Lernkonzepte auch einen hohen spielerischen Anteil haben können – und dass dieser gut und sinnvoll und gewünscht ist – das ist immer noch schwierig“, erklärt uns Stefanie. Immer noch schwinge die Sorge mit, dass das Handy dann quasi an der Hand des Kindes festgewachsen ist.

Solche Befürchtungen seitens der Eltern sind Stefanie auch beim Testen von Lazuli im Kindergarten begegnet. Dabei spielt aber auch eine Rolle, dass es für Eltern schwierig ist, Qualitätskriterien zu finden, um eine App zu bewerten. Schließlich ist nicht alles gut, was als kindgerecht in den Stores angeboten wird. „Deswegen bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zu informieren auf möglichst unabhängigen Empfehlungsseiten“, empfiehlt Stefanie und schlägt unter anderem die Seite des Deutschen Jugendinstituts vor.

Ein Leidenschaftsprojekt mit hohem Eigeninvest

Ob es sich lohnt, ein Lernspiel zu entwickeln hängt zum einen also von der Akzeptanz ab. Zum anderen ist die Finanzierung ein ausschlaggebender Aspekt. Für 4,99 Euro bietet funline Media Lazuli im App Store an. Das ist schon an der oberen Grenze der App-Store-Preise. „Eine App muss sich trotzdem refinanzieren und das tut es immer noch schlecht“, stellt Stefanie fest. „Aber es gibt ja nur die beiden Wege: Als Premium-App verkaufen oder kostenlos anbieten und mit Daten oder Werbung Geld einnehmen. Ich finde für ein Produkt, hinter dem ein immenser Aufwand steht, kann man auch einen Kaufpreis verlangen. Im Vergleich: Für ein Kinderbuch zahlt man auch locker 10 Euro.“

Eine Refinanzierung aus dem Markt ist also sehr schwierig. Die Finanzierung selber war nur durch einen extrem hohen Eigenanteil von funline Media möglich – „Es ist ein Leidenschaftsprojekt“, sagt Stefanie dazu. Aber auch der FFF Bayern unterstützte das Projekt. Der FFF Bayern fördert seit über 10 Jahren die Entwicklung und Produktion von Games aus Bayern. Lazuli hat Förderung in Höhe von insgesamt 180.000 Euro für die Prototypenentwicklung und die Produktion erhalten. 

Spiel ist nicht gleich Spiel

Ein Lernspiel folgt ganz eigenen Regeln. Viele Spiele ähneln sich in ihrer Struktur – und das ist nicht immer die pädagogisch sinnvollste. Sie erklärt uns das am Beispiel des Scheiterns: „Ein bestimmter Aufgabentyp wird wiederholt, während er immer schwieriger wird. Daraus ergeben sich zwei problematische Folgen: Zum einen soll man nicht immer nur dasselbe durchführen, sondern die Aufgaben auch mal mit einer anderen Art zu denken unterbrechen. Zum anderen ist bei klassischen Spielen bei Wiederholungen auch immer das Scheitern impliziert. Das ist für kleinere Kinder sehr frustrierend. Wenn etwas immer schwieriger wird, ist automatisch vorgegeben, dass du irgendwann scheiterst. Das heißt, man muss pädagogische Konzept und Spielkonzepte irgendwie übereinander bringen.“

Lazuli sieht Fehler daher einfach als Teil des Lernens: Die Kinder erleben oft lustige Dinge, wenn ihnen bei einer Aufgabe ein Fehler unterläuft. Und wenn es doch zu schwierig – oder zu leicht – ist, dann können die Kinder auch selbstständig den Schwierigkeitsgrad ändern. Lazuli soll schließlich nicht frustrieren, sondern sich als Spiel anfühlen. Und tatsächlich nehmen die Kinder das auch so war. Ein kleiner Junge aus der Testgruppe antwortete beispielsweise auf eine Frage, wie es war, jetzt gerade Mathe zu lernen: „Ich hab doch nicht Mathe gelernt. Ich hab Lazuli gespielt.“

Da für Eltern und Pädagogen aber dann doch das Erlernen der Basiskompetenzen wichtig ist, gibt es einen eigenen Elternbereich im Spiel: Hier werden die Daten der Spielenden ausgewertet und man kann ablesen, in welchen der Bereiche noch Teilleistungsprobleme bestehen. Daher verwenden auch immer mehr Therapeuten Lazuli, um gezielt die Kinder zu fördern. Um noch mehr Eltern und Institutionen den Zugang zu ermöglichen, hat funline Media Lazuli auch auf Windows veröffentlicht.

Aber mit der Mathematik ist es noch nicht genug für Stefanie und Roland. Das nächste Projekt wurde vom FFF Bayern gefördert, liegt bereits in den Endzügen der Hauptproduktion und erscheint voraussichtlich noch dieses Jahr: Lazuli und die Wörter.

Weitere Artikel aus der Reihe #GameStories:

Folge 1: Game Seer – Internationale Investments aus Bayern
Folge 0: Neue Reihe: Erfolsgeschichten am Gamesstandort Bayern

Ihr wollt eure Geschichte teilen? Dann schreibt uns an mail@games-bavaria.com

Bilder von http://www.lazuli-app.com/de/