• 13.05.20 | 13:05
  • GamesInBavaria
  • News

Game Seer – Internationale Investments aus Bayern

Serie: #GameStories aus #GamesInBavaria – Folge 1

Die Finanzierung eines Spieleprojekts ist eine der größten Herausforderungen in der Gamesentwicklung. Die Zusammenarbeit mit einem Publisher kann eine Lösung sein. Oder die benötigten Mittel als Dienstleister für andere Industrien zu verdienen. Wer bereits ein Spiel erfolgreich veröffentlicht hat, kann die Einnahmen in das neue Projekt fließen lassen. Daneben gibt es öffentlichen Fördergelder auf regionaler und Bundesebene.

Und Investoren. Die richtigen Geldgeber zu finden und zu überzeugen ist allerdings gar nicht so einfach. Denn nur selten tätigen Venture-Capital-Unternehmen in Deutschland Zielinvestments in die Gamesbranche und noch seltener direkt in die Spiele.

Game Seer Venture Partners – ein international agierender Investor in Bayern

Trotzdem findet man solche Finanzierungspartner, auch in Bayern: Game Seer Venture Partners (GSVP) investiert seit 2019 aus dem unterfränkischen Aschaffenburg heraus international in Gamesprojekte. Insgesamt 10 Millionen Euro will das Startup bis 2022 verteilen. Der Fokus liegt auf den Märkten USA und EMEA.

Das Team
Neben dem Gründer Mikel, der seit 2005 im Online-Vertrieb von Games und digitalen Gütern tätig ist, besteht das Team aus Bertrand Vernizeau sowie aus Oliver Redelfs. Bertrand blickt ebenfalls auf eine erfolgreiche Karriere im Bereich der digitalen Distribution zurück und ist als Investment Partner und Geschäftsführer an Bord. Er leitet das operative Geschäft von Game Seer, verantwortet die Projektbewertungen und ist für die Entwickler der Hauptansprechpartner in den Verhandlungen. Oliver, der Gründer von Red Elf Media, ist für die Kommunikation und das Networking verantwortlich sowie im Bereich Scouting tätig.

Das Team von Lince Works

Anfang April bestätigte Game Seer seine neueste Investition in ein noch nicht angekündigtes Spiel des spanischen Indie-Studios Lince Works. 3 Millionen Euro erhält der Entwickler aus Barcelona, den Game Seer auf dem Games/Bavaria-Gemeinschaftsstand auf der Gamescom im letzten Jahr kennengelernt hat. „Im Gegensatz zu den uns angebotenen Publisher-Deals behalten wir bei der Spiele-Finanzierung durch Game Seer die volle künstlerische und verlegerische Kontrolle sowie einen deutlich besseren Share bei der Distribution des Spiels.“, erklärt Leon Molero, Co-Founder von Lince Works, die Vorteile der Kooperation.

Bertrand und Oliver haben uns Einblicke in Firma, Philosophie und Vorgehen gegeben. Und zum Schluss gibt es noch Tipps dazu, wie ein Entwickler sich und sein Spiel präsentieren sollte.

Der Fokus liegt auf dem wichtigsten: dem Spiel

Game Seer ist kein Publisher, sondern stellt mit einem eigenen Private Equity weltweit Venture Capital für Projekte zur Verfügung. Zusätzlich steht das Team den Entwicklern im Bereich Digital Distribution beratend zur Seite.

„Wir haben vor unserer Firmengründung den Markt für Spiele-Finanzierungen sehr genau beobachtet“, erklärt Bertrand die Entscheidung in Games und nicht in Fimren zu investieren. „Hier gibt es einerseits traditionelle Equity VCs, die in einem frühen Stadium investieren, mit den Firmenbewertungen hantieren und langfristig auf das Beste hoffen. Auf der anderen Seite gibt es das klassische Publisher-Modell. Die Verleger hoffen, aus jedem unterstützten Projekt das Beste herauszuholen. Dabei drängen sie in der Regel auf hohe Lizenzgebühren, während ihre Marketingaktivitäten für die Entwickler meist undurchsichtig bleiben. Unserer Ansicht nach ist beides weder auf den Lebenszyklus von Spielen noch auf die Bedürfnisse von Developern ausgerichtet.“

GSVP hat sich daher für einen Weg in der Mitte entschieden: „Bei unseren Investments fokussieren wir uns auf das wichtigste: das Spiel. Wir bieten unseren Partnern sehr wettbewerbsfähige Konditionen und helfen bei Bedarf beim Vertrieb, Plattformdeals und Marketing. Da wir ausschließlich unser eigenes Geld investieren, können wir uns voll in die Projekte einbringen. Wir unterstützen das Studio bei allem was es braucht, bleiben aber stets dezent im Hintergrund.“

Die Investitionen:
Anfang April bestätigte GSVP die Investition in ein noch nicht angekündigtes Spiel des spanisches Indie-Studios Lince Works. Mit dem Stealth-Action Game „Aragami“ landeten die Spanier 2016 einen internationalen Indie-Hit, der sich auf PC und Konsole inzwischen über eine halbe Million verkauft hat. Der neue Titel, an dem die 17 Mitarbeiter aktuell trotz Corona-Krise auf Hochtouren arbeiten, soll im Laufe des Jahres angekündigt werden.
Zuvor investierte Game Seer als erstes Projekt in das Rollenspiel „The Waylanders“ des spanischen Studios Gato Salvaje, das 2020 auf den Markt kommen soll.
Ganz frisch ist außerdem die Vorfinanzierung von „Away: The Survival Series“ des kanadischen Studio Breaking Wall.

Mit Erfahrung und Algorithmen zur nächsten Investition

Selbst erfahrene Teams machen manchmal schlechte Spiele und neue Teams tauchen aus dem Nichts auf und erschaffen Milliarden-Dollar-Projekte. Die Beurteilung von Spielen und Menschen ist keine exakte Wissenschaft, für die es keine festen Regeln gibt. Wie also findet Game Seer seine Projekte?

„Für uns ist die richtige Balance zwischen der Teamzusammensetzung und der Marktausrichtung des Projekts ein entscheidendes Kriterium. Ein intaktes Team, dass bereits erfolgreich Spiele entwickelt und verkauft hat, ist immer ein Pluspunkt.“

Allerdings ist selbst ein beeindruckender Track Record von Team und Mitarbeitern kein Garant dafür, dass das Spiel die wirtschaftlichen Erwartungen erfüllt. Game Seer wägt daher sorgfältig ab, ob die individuellen Erfahrungen der Mitarbeiter zur aktuellen Teamstruktur passen: „Wenn diese Punkte nicht übereinstimmen, wird es mit Sicherheit von uns kein Engagement geben, egal wie beeindruckend der Track Record von den beteiligten Personen ist.“

Ein selbst entwickeltes Analyse- und Bewertungs-Tool unterstützt die Game-Seer-Investoren bei der Auswahl.

„Gamers investing back in the industry“

Ein Großteil ihrer Freizeit verbringen die Game-Seer-Gründer mit Spielen – daher das Motto „Gamers investing back in the industry“.

Das Team besteht aber nicht nur aus leidenschaftlichen Gamern, sondern bringt großes wirtschaftliches Know-how mit: In den letzten 15 Jahren haben sich Mikel, Bertrand und Oliver mit ihren vorherigen Unternehmen ein umfangreiches und tiefgehendes Wissen über die Monetarisierung von Spielen aufgebaut und die Wirtschaftskreisläufe der Branche erfolgreich verstanden. Jetzt investieren sie das Geld wieder zurück zu den Entwicklern: „Wir könnten nicht glücklicher darüber sein: Geld aus Pixeln wird wieder zu Pixeln.“

Corona ist hier zum Glück kein Spielverderber

Messen und Konferenzen sind für Game Seer natürlich äußerst wichtig. Sowohl um die Studios zu treffen und Kontakte aufzubauen als auch konzentriert einen Marktüberblick zu bekommen. Die Corona-Krise lässt zwar alle Reisen und Eventteilnahmen ausfallen, hat aber ansonsten nur begrenzte Auswirkungen auf das Geschäft des Investors:

„Die Betreuung unserer bestehenden Investitionen funktioniert problemlos aus dem Home-Office und hat sich bislang auch noch nicht auf die Produktion und die Weiterentwicklung der Spiele ausgewirkt. Darüber sind wir ziemlich glücklich“, freut sich Oliver. Auch das Scouting rein online ist sehr effektiv. Die Studios kontaktieren Game Seer jetzt direkt, anstatt auf ein Event zu warten.

Die Zahl der Anfragen an Game Seer ist daher sogar gestiegen. Darunter sind auch einige sehr vielversprechende Projekte, die sich das Team im nächsten Schritt genauer anschauen wird. „Dafür werden wir uns aber mit den Entwicklern treffen müssen. Denn nichts kann den menschlichen Kontakt ersetzen“, betont Bertrand. „Wir wollen uns persönlich gegenseitig kennenlernen und mehr über das Spiel und die Entwicklung erfahren und sehr gerne ein Bier zusammen trinken.“

So geht’s weiter: die Zukunft von Publishing und Finanzierung

Bertrand gibt uns seine Einschätzung zu zukünftigen Trends: „Als wir vor einem Jahr Game Seer Venture Partners gegründet haben, waren wir sicher, dass der Kampf der Provisionsmodelle sich auch auf das Publisher-Geschäft auswirkt. Wenn die Schwergewichte Epic und Valve auf ihren Vertriebsplattformen einen Preiskampf um die Höhe der Provisionen ausfechten, wird dies direkte Auswirkungen auf die Branche haben.

Als Epic ankündigte, dass sie ihr eigenes Verlagslabel mit extrem wettbewerbsfähigen Bedingungen auf den Markt bringen, waren wir nicht wirklich überrascht, da wir dies mit der Gründung von GSVP letztlich vorweggenommen haben. Mit unserer extrem schlanken Firmenstruktur und dem Angebot einer „a la carte“-Unterstützung für Studios zusätzlich zur Finanzierung, sehen wir uns für die zukünftige Marktentwicklung perfekt aufgestellt.

Die großen Publisher der alten Schule müssen ihre AAA-Strukturen an die Tatsache anpassen, dass viele Indie-Studios sich bewusst für das Self Publishing entscheiden und damit großartige Erfolge im Markt erzielen. Hier kommen wir ins Spiel. Wir geben mittelgroßen Produktionen mit kleineren Budgets die benötigte Unterstützung zu wettbewerbsfähigen Bedingungen. Der Markt wächst und ist groß genug, es müssen nicht immer nur AAA-Games sein. Auf lange Sicht werden gerade kleine Produktionen mit einer Mischung aus öffentlichen und privaten Geldern sowohl kreativ als auch wirtschaftlich sehr großen Erfolg haben.“

Tipps für die Präsentation vor einem Investor

Zum Schluss erklärt uns Oliver, worauf Teams achten sollen, wenn sie mit einem Investor sprechen: „Die Bereitstellung möglichst vieler Materialien zum Spiel und zur Firma ist für den Investor extrem wichtig. Es gibt nichts Schlimmeres, als ein 1-seitiges Dokument mit der Bitte um fünf Millionen Dollar zu schicken. Wir investieren nicht in Papier-Pitches, wir benötigen mindestens einen Prototyp oder einen Vertical Slice. Visuals (Screenshots) und Trailer sind ebenfalls sehr hilfreich. Wir sind produktorientiert. Je mehr wir über das Produkt erfahren, desto größer ist die Chance unser Interesse zu wecken. Detaillierte Finanzkennzahlen sind ebenfalls ein Muss. Denn sie zeigen, dass das Studio seine Arbeit und die Projektkosten realistisch einschätzen kann.“

Ihr glaubt, Game Seer passt zu euch und eurem Projekt? Dann pitcht dem Team!

„Wir lieben frische, neue Ideen. Zögert nicht, eure Spiele uns zu präsentieren. Wir antworten jedem! Grundsätzlich unterstützen wir am liebsten Games, die wir selbst gerne spielen wollen. Lassen Sie uns gemeinsam träumen und sehen, ob wir als Team zusammenpassen.“

Mehr Artikel aus dieser Reihe:

Bilder von GSVP